Archive for the 'Geschichten' Category

Memories

Wednesday, December 30th, 2009

What are memories? —A faint relict of past moments, one may answer, conserved stories, vivid recollections of what we once experienced.

But what do they mean? Memories are secret places in our minds that we can, but do not have to, share with others and we can consciously steer ourselves through them. Memories are where we can hide from reality, or what one can be terrified of. We can consult them to retrieve information that is not currently displayed to us.

Though seeming steady, memories tend to be re-arranged with every recall; they often supplement the perception of our current surroundings. Memories can go unnoticed, but they can as well be the source of pleasure or distress.

Memories are personal records of our being in the world—they define who we are. What would we be without them?

Without memories to cloud it, the mind perceives with absolute clarity. Each observation stands out in stark relief. In the beginning, when there’s not yet a smudge, the slate still blank, there is only the present moment: each vital detail, shocked color, the fall of light. Like film stills. The mind relentlessly open to the world, deeply impressed, even hurt by it; not yet gauzed by memory.

Loosing all our memories means loosing the sense of who we are. Now, if we ourselves do no longer know who we are, can we be said to still be the same person?

In “Man Walks into a Room,” Nicole Krauss introduces Samson Greene, a man who lost all his memories beyond the age of twelve.

[A]s he looks around the beautiful apartment he apparently shares with his wife and which is filled with all the souvenirs of a life well lived, Samson feels nothing more than a vague admiration.

Now in his thirties, Samson struggles to re-identify himself. Turing away from the life waiting for him to return, Samson starts hunting for the real-world counterparts of his childhood memories.

On his way, he gets to know personalities as fascinating as he himself: Lana, a former student of his, Ray, a neuroscientist calling him up to come to the desert, Donald, an old veteran suffering from lung cancer, and Pip, who found that Jesus is her one true friend. —A thought-provoking read.

Ein fernes Land

Thursday, October 1st, 2009

Gespannt steigt sie von Board und schleift ihr Gepäck über den Bootssteg auf die Insel. Was sie wohl erwarten wird?

Ein Bus würde sie in die Mitte der Hauptstadt bringen; und von dort würde sie mit unterirdischen Zügen nach Norden fahren – zu einem alten Haus, das ihre neue Heimat werden soll. Viel mehr weiß sie noch nicht. Aber sie wird damit beschäftigt sein, diese fremde Welt zu entdecken und viel Neues zu lernen.

Die Stadt, in die sie gebracht wird, ist spiegelverkehrt – zumindest hinsichtlich der Fortbewegungsrichtung. Viele Gebäude werden durch rückwärtige Keller oder kleinere Seitenflügel angrenzender Bauten betreten und erweisen sich oftmals – wirken sie von außen verfallen oder modern – innen als mystisch. Unter den alten Gewölben etwa werden gewisse Örtlichkeiten mit Handpumpen betrieben während am modernen Eingang Sicherheitsschleusen mit biometrischen Scannern jedem Fremdling den Zutritt verwehren.

Eines aber gibt es überall: Kameras. Nichts bliebt ungesehen, alles wird genau protokolliert.

Stählerne Treppen führen vermooste Mauern innen und außen hinauf, blinde Fenster lassen nur fahles Licht in die prächtigen Hallen. In einem Glascontainer in der Mitte der größten Halle werden die sterblichen Überreste des ideellen Vaters dieser Stätte ausgestellt. Sie werden jedem Neuling so lange angepriesen, bis dieser im Schlaf den Namen des großen Denkers buchstabieren kann.

In den Lesesälen der Bibliothek gibt es keine geraden Tische. Der Lack auf den Stühlen ist abgewetzt und ihre Beine sind unten zersplittert. Im hinteren Teil des Raumes hat man eine Zwischendecke eingezogen, auf der unzählige leistungsstarke Computerarbeitsstationen installiert sind.

Die Neuankömmlinge werden im Hof zusammengetrommelt und eingelassen. Es sind hunderte … nein tausende! Sie kommen von überall her. Jeder spricht eine andere Sprache und viele tun sich mit der neuen gemeinsamen Kommunikationsmethode schwer. Uniformierte Ortsansässige weisen den Neulingen an jeder Ecke den Weg und führen sie in kleinen Grüppchen von Station zu Station einer feierlichen Prozedur.

Die Wege sind viel weiter, als sie es gewohnt sind. Und auch am jeweiligen Ziel, treffen sie immer wieder auf ein neues Ritual. Zumeist umfasst dies das bilden einer sich nach rechts windenden Schlage wobei die Nichtachtung dieses Gesetztes mit verachtungsvollsten Blicken geahndet wird.

Am Ende aber sollen sie alle Mitglieder der stolzen Gemeinschaft werden.

“Mach’s gut!”

Saturday, September 19th, 2009

Er schaut sie an, ein kurzes Nicken, der Anflug eines hilflosen Lächelns. “Danke, du auch.” Er dreht sich um und geht zur Tür. Routiniert drückt er die Türklinke herunter. Irgendwie fühlt sie sich heute ganz anders an.

Er tritt durch die massive Tür hinaus ins Freie, blinzelt dem untergehenden Feuerball entgegen, und atmet tief ein. Die Abendluft ist klar und schwer. Das übliche Kindergeschrei bevölkert die Nachbarschaft.

Er schreitet auf den Weg hinaus und hört aus einigen Metern Entfernung die Tür in gewohnter Schwere hinter sich ins Schloss fallen. Das bekannte Geräusch jagt ihm einen eiskalten Schauer über den Rücken. Abrupt hält er inne, dreht sich um und schaut zurück.

Für eine Sekunde scheinen die neuen Möbel wieder unausgepackt vor dem Eingang zu stehen.

Er blinzelt und setzt seinen alltäglichen Marsch zur wohlbekannten Bushaltestelle scheinbar unbehelligt fort. Eine einzelne Träne bahnt sich ihren Weg hinunter zu seinem Kinn. Diesmal wird er wohl nicht wiederkommen.

Aber vielleicht sieht man sich ja mal.

Die Flucht

Tuesday, September 1st, 2009

Sand.
Dreckige Turnschuhe, heftige Schritte.
Jede Faser seines Körpers zum Zerbersten gespannt.
Sein Herz pocht.

Dunkle Wolken am Himmel, Schwüle in der Luft.
Er atmet schwer, geht schneller.
Schweißperlen auf seiner Stirn.
Wohin?

Er schließt die Augen, hört Autos an sich vorbei rauschen,
reißt die Augen wieder auf.
Rot, rot-gelb, grün.
Noch schneller, heftiger!

Donnergrollen. Was machen all die Leute hier?
Regentröpfchen. Ein lauer Sommerregen.
Blitze zucken über den Himmel, die Tröpfchen schwellen zu Tropfen.
Donnerschlag, Vogelgezwitscher, eine einzelne Träne.

Musik krächzt durch ein Fenster.
Hausnummer 10a, eine Gartenlaube, ein Boot.
Uhlenfluchtweg.
Stimmen, Worte. Nein, keine Worte!

Was will er hier?
Weiter. Immer weiter.
Die Sonne durchbricht das Grau.
Schnelle, rhythmische Schritte.
Langsam wird er ruhiger.

Aktionswochen im Mai, Coffee to go.
Was soll das?
Kinder auf der Rutsche, Geschrei aus der Nebenstraße.

Wieder Sand.
Dann Stein, Gras, Kopfsteinpflaster.
Blicke nach links und rechts.

Bekante Gesichter.
Bekannte Menschen.
Er dreht sich um, sie sieht ihn an.
Er ist es nicht.

Er schließt die Augen, läuft weiter.
Läuft schneller, bekommt keine Luft.
In seiner Hast stolpert er.

Niemand sieht sich nach ihm um,
er fällt in die Tiefe und lächelt hilflos.
Stille.

Back & Forth

Friday, March 27th, 2009

The wind is periodically rushing past your ears. A bird is singing, the sun is shining. You close your eyes and keep moving in the same constant pattern, slowly climbing higher and higher, going faster and faster.

Once you are up, you are going back down, further back and up again; then forward and down and up again. You open your eyes, blinking try to make out the trees which appear to remain the only stable reference point. A row of houses is moving up into the sky, a car is going down the street while the street itself is repeatedly hiding behind the small hill in front of you. Your left foot, for no more than the very briefest glimpse, is touching the ground … up again!

You lean back, rushing forward, going down, then up, pause. You lean slightly forward, rush back down, go up again, turn and lean back. You throw back your head, see the sky, watch a cloud moving by, see the trees suddenly pass, face the ground, close your eyes and sit back up. Leaning forward a little you allow yourself being drawn back.

You are going down and up again; then forth and up and back and down and up – even once you stop moving you will keep going for a while.

“Das ist wie Fahrrad fahren, das verlernt man nicht.”

Sunday, March 15th, 2009

– Irgendwie bist du von dieser Aussage noch nicht so ganz überzeugt; immerhin ist es ja schon über ein Jahr her.

Ihr haltet in der Mitte, du stellt die Bügel ein und prüfst den Gurt. Alles fühlt sich normal an, auch Putzen und Satteln liefen völlig automatisch. Ein bisschen aufgeregt bist du jetzt trotzdem. Die anderen kommen dazu: “Tür frei.” – “Ist frei.”

Du trittst in den linken Bügel, nimmst die Zügel über dem Widerrist zusammen und steigst auf. Als du im Sattel sitzt, hört außerhalb des sandigen Vierecks alles auf zu existieren. Deine ganze Welt besteht nun einzig aus fünfzehn regelmäßig angeordneten Punkten.

Du nimmst auch den rechten Bügel auf. Dann setzt ihr euch in Bewegung, auf dem Hufschlag rechte Hand. Deine Beine und Arme finden ganz automatisch an die richtige Position, deine Muskeln spannen sich an, deine Handgelenke verlieren sich in ihrem Spiel. Und mit dem ersten Schritt wird klar: ihr beide seid jetzt eins.

Jede Bewegung ist die gleichzeitige harmonische Veränderung der Position zweier Individuen; jeder Schritt lässt euch beide voranschreiten, jede Hilfe verändert euren gemeinsamen Kurs, euer beider Geschwindigkeit.

Du wirst getragen, schwebst in Schritt, Trab und Galopp durch die Bahn. Ihr dreht eure Runden, Zirkel, Schlangenlinien, … ab und an dringt eine dumpfe Stimme aus der Mitte der Bahn mit Korrekturen oder Aufgaben an euch heran.

Am Ende seid ihr beide nass und entspannt. Im ruhigen Schritt geht ihr ganze Bahn. Bald wird es Zeit sich wieder zu trennen, Zeit zum Absteigen.

Ihr haltet. Du lobst deinen Träger, streichelst sein weiches Fell und zögerst. Schließlich schwingst du dich hinab. Deine Beine wieder auf dem Boden fühlst du dich unvollständig. Als auf dem Weg zum Stall die restliche Welt wieder auf dich eindringt, sehnst du dich bereits nach der nächste symbiotischen Reise in eine unbeschwerte Welt aus fünfzehn Punkten.

“Der nächste freie Servicemitarbeiter nimmt Ihren Anruf entgegen.”

Friday, January 2nd, 2009

Diesen Satz höre ich nun seit fünfzehn Minuten, gefühlten zwei Stunden, und frage mich, ob “freie Mitarbeiter” vielleich ein Codewort für “Mensch, der dich wieder in die Warteschleife schiebt” ist. Ich hänge am Servicetelefon einer gewissen deutschen Bank. Deren unheimlich toller bundesweite Service hat eben zum dritten Mal versucht mich an die zuständigen Kollegen durchzustellen. Und zum dritten Mal geht in der entsprechenden Filiale niemand an den sprechenden Knochen.

Mir scheint, auch hartnäckige Kunden werden erfolgreich ignoriert indem man sie schlicht wieder an die Warteschleife des bundesweiten Telefonservice zurück reicht, wo sie nach unheimlich nerviger Wartemusik wieder auf einen immer neuen Ansprechpartner treffen, dessen einzige Kompetenz offenbar in einem weiteren zum Scheitern verurteilten Verbindungsaufbau zu einem noch immer nicht besetzten Arbeitsplatz besteht.

Der Leser mag sich fragen, was denn überhaupt der Grund für meinen Anruf ist. Ihm sei gesagt, dass ich seit Juli versuche 30€ Gebühren zurück zu bekommen, die mir “versehentlich”, wie es im August hieß, in Rechnung gestellt wurden.

Zurück zum Kundencenter: Nummer vier begrüße ich mit dem freundlichen Hinweis, dass mich bereits drei Servicemitarbeiter nach Osnabrück verbunden haben, aber die Kollegen dort NICHT abnehmen. Am anderen Ende wird es still. Man wühlt in meinen Kundendaten auffällig lange herum, sodass ich schon vermute jemand sei ernsthaft bemüht sich meiner Sache anzunehmen.

Doch denkste! Was kommt nach einigem Gemurmel? — “Tut mir leid, da kann ich nichts machen, die zuständige Kollegin muss das bearbeiten.” Himmel! Hat denn in diesem SERVICE Center niemand irgendeine Kompetenz, die über das Tastenfeld des Telefons hinaus geht?

Der Online Dienst funktioniert übrigens nicht besser: Auch hier landet man mit jeder Antwort bei einem neuen Mitarbeiter und jeder verspricht bloß, dass er meine Anfrage an die zuständige Stelle weiterleite.

Ich fühle mich erinnert, an “Das Haus, das Verrückte macht” und den “Passierschein A38″. Asterix beendet sein Herumgeschicktwerden, indem er nach Passierschein A39 fragt und die Beamten im Haus in Aufruhr versetzt. Vielleicht sollte ich beim nächsten Mitarbeiter versuchen nach 40€ Erstattung zu fragen? Angesichts des bis dato erbrachten Aufwands, wäre das glatt noch geschönt!