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Abenteuer Reise nach Linköping

Tuesday, June 29th, 2010

London, Gatwick Airport. Es ist Samstag Abend und ich bin auf dem Weg zu einem Projekttreffen in Schweden. Am Flughafen soll ich drei Kolleginnen treffen. Wir fliegen Ryanair nach Stockholm Skavsta – oder das zumindest ist der Plan. Das Gate soll um 19.50 Uhr schließen. Zusammen mit zwei Kolleginnen warte ich auf die dritte, die mit einem Flieger aus Manchester kommen sollte, aber sowieso schon zu chronischem Zuspätkommen neigt.

Um 19.47 Uhr sehen wir sie durch die Glasfront des Boardingbereiches in Richtung Gateeingang stürmen, mit Koffer und Handtasche. Ryanair erlaubt aber nur ein Gepäckstück je Passagier – naja, wir haben Platz in unseren Koffern, behalten wir sie halt im Auge und übernehmen Notfalls etwas Gepäck.

Eine Minute später sehen wir sie wild gestikulierend dem Gatepersonal gegenüber stehen, dann blitzschnell zurück in Richtung Ausgang stürmen. Meine ältere Kollegin springt auf, reißt die Arme in die Luft und bahnt sich hektisch den Weg durch die Massen im inzwischen überfüllten Boardingbereich zur Galsfront; tatsächlich gelingt es ihr Blickkontakt zur Davoneilenden herzustellen und unter misstrauischem Blick der Security einige Fragen zu gebärden. Mit den Antworten schlägt sie sich zu uns zurück.

Wie es scheint, fehlt ein Stempel auf der Boardkarte, für welchen man zurück zum Check-In muss; das allerdings geht nicht, ohne von Flugpersonal aus dem Sicherheitsbereich eskortiert zu werden … und Ryanair stellt dafür leider kein Personal zur Verfügung, wie wir später erfahren sollen.

Unwissend dieser Problematik warten wir am Gate, hoffend und bangend, dass die Verspätung unseres Fluges gerade reicht, dass unsere Kollegin es noch rechtzeitig zurück zum Gate schafft. Wir boarden, halten ständig Blickkontakt mit der Tür, immer noch hoffend. Doch dann schießt sich die Tür! Wir fliegen also zu dritt; Kommunikation mit dem Boden ist erstmal nicht möglich.

Mittlerweile dämmert uns das nächste Problem: Die Autovermietung, deren Wagen uns von Flughafen nach Linköping bringen soll, schließt um Mitternacht – unsere geplante Ankunftszeit war 23.30 Uhr, jetzt haben wir ca. 30 Minuten Verspätung.

Nach der Landung stürmen wir also aus dem Flieger zur Passkontrolle. Im Flughafengebäude sind schon fast alle Lichter aus; ein dicklicher Mann hat das Gepäckband am Check-In zu seinem Nachtlager erkoren.

Ich eile durch die Halle und schaffe es als Erstes zur Autovermietung. Den Schalter zu identifizieren war nicht schwer, denn es war der einzige, der noch geöffnet war. Meine jüngste Kollegin folgt Bruchteile von Sekunden später „We’re telling you we’re here so you don’t close. The person with the paper is coming …“ Man schaut uns leicht verwirrt an, nickt aber freundlich. Was sonst sollte die Dame auch tun?

Einige Minuten später sind wir noch immer zu zweit, hinter uns füllt sich die Halle langsam mit Ankömmlingen. Wo ist unsere Kollegin? Ich laufe zurück, da kommt sie gerade aus der Passkontrolle: „Oh this was really complicated – they asked me all kinds of stupid questions!“ Okay, genauer will ich es gar nicht wissen … inzwischen ist es viertel nach zwölf und die Dame an der Autovermietung wird misstrauisch.

Aber sie wartet, puh! Autoschlüssel, ab ins Parkhaus, Auto gefunden. Jetzt nur noch gute 60 Meilen Fahrt zum Hotel. Das Navi können wir nach einigen Anlaufschwierigkeiten schließlich zur Kooperation überzeugen und sind um viertel vor eins auf der Autobahn. Wir haben freie Fahrt, und es ist fast taghell.

Der Vollmond leuchtet rechts am Himmel, links taucht die tiefstehende Sonne die Landschaft in ein rötliches Licht. Geht der Mond auf oder unter? Und die Sonne? Wir fahren durch dieses romantische Zwielicht, uns stetig unserem Ziel nähernd bis … ja bis, plötzlich vor uns ein Flammenball auftaucht! Was ist das?!?

Mitten auf der Straße, auf freier Bahn, steht ein Auto lichterloh in Flammen. Ähm, welche Notrufnummer wählt man eigentlich in Schweden? (Für den interessierten Leser: 112.) Wir sind glücklicherweise nicht die ersten am Ort des Geschehens, und stellen uns einfach artig mit Warnblinkanlage auf den Seitenstreifen. Feuerwehr und Polizei rasen Sekunden später an uns vorbei und sperren die Straße … Eine Polizistin patrolliert an den mittlerweile sechs Parkenden Autos entlang, bleibt aber stumm.

Eine knappe halbe Stunde später geht es dann weiter. Im Schritttempo passieren wir den ausgebrannten Blechkasten, neben dem kopfschüttelnd ein ziemlich unglücklich dreinschauender Mann steht.

Zu 2.15 Uhr schaffen wir es schließlich nach Linköping und finden bald darauf unser Hotel und sogar einen Parkplatz. Während wir warten, dass der Nachtwächter uns einlässt, identifizieren wir das, auf da meine griechische Kollegin uns mit „Look, a turtle!“ hinweist als einen die Straße überquerenden Igel. Dann, endlich, können wir einchecken und noch etwas Schlaf bekommen, bevor wir uns am Morgen um 9 in der Uni mit unseren schwedischen Kollegen treffen.

Dummerweise ist es draußen mittlerweile aber wirklich taghell, und unsere Zimmer haben die Fenster auch noch genau zu der Seite des Horizonts, an dem gerade die Sonne aufgeht; da helfen auch halbwegs dichte Vorhänge nicht viel, zumal diese unsere Mini-Saunen auch nicht vom Aufheizen abhalten.

Am Morgen dann also auf zur Uni. Glücklicherweise kennt jemand den Weg vom letzten Besuch: wir müssen so in etwa der Beschilderung in Richtung „Sjukhus“ folgen. Nachdem wir die Uni und einen Parkplatz gefunden haben, irren wir etwas über den Campus, bis wir das Gebäude des Meetings finden. So weit, so gut. Nur wie kommen wir rein? Praktischerweise hat jemand einen Zettel mit Telefonnummer aufgehängt – nur leider ist die Nachricht auf Schwedisch und wir wissen nicht so recht, ob sie für uns bestimmt ist … schließlich kommt aber jemand an die Tür, wir winken eifrig, und unser schwedischer Kollege wird herbei beordert, um die „Touristen“ hereinzulassen.

Das Treffen ist sehr produktiv. Zumindest bis das Deutschland-England Spiel beginnt und diverse Online-Ticker ihre Ablenkungskräfte am männlichen Teil der Runde ausüben. Die zweite Halbzeit würde er (ja, einer!) dann doch gern sehen, und morgen ist ja auch noch ein Tag.

Wir begeben uns also zurück zum Hotel, um 45 Minuten später von dort zum Dinner aufzubrechen. Dieses soll bei unserer schwedischen Kollegin zu Hause stattfinden, dann Linköping’s Restaurants haben an diesem „Midsommar Helgen“ so ziemlich alle geschlossen. Wie finden wir ihr Anwesen? Na mit dem Navi natürlich!

Oder zumindest dachten wir das. „Ariadne“ dachte das nicht. Sie versagte ihren Dienst – vermutlich, da ihr die Mittagshitze im Handschuhfach nicht so besonders gefallen hatte. Wir irren also etwas durch die Gegend in der Hoffnung, dass sie doch noch Kontakt zu Satelliten aufnehmen möge – leider vergebens. Was nun? Naja, wir rufen halt mal unsere Kollegin an und fragen nach einer Wegbeschreibung. Aber wo sind wir?

Zurück zum Hotel finde wir, Wegbeschreibung von dort bekommen wir. Die Herausforderung besteht nur aber darin, die schwedischen Straßennamen zu dekodieren: meine griechische Kollegin empfängt die Wegbeschreibung in Englisch, allerdings mit schwedischer Aussprache von Orts- und Straßennamen mit einem britischen Akzent. Was muss jetzt auf dem Haus stehen, dass „Bruvela“ heißen soll? Und wie wird wohl das geschrieben, was der „Mekfag“ ist?

Irgendwann denken wir, dass wir doch mittlerweile am Ziel sein müssten, schließlich sind wir genau so oft links und rechts abgebogen, wie uns gehießen, und wenden uns verzweifelt an einen jungen Mann am Rasenmäher. Der kennt aber leider unsere Zieladresse gar nicht, und auch von der ominösen Villa hat er noch nie gehört. Er fragt woher wir kommen, meine Kollegin entscheidet sich für die einfache Antwort, „Travelling from the UK“ (nicht „Russia, Greece, Germany“), worauf der junge Herr fröhlich zur Seite hüpft, sich in der Luft einmal dreht, und ruft „God save the Queen!“

Nach einem weiteren Telefonanruf kennen wir dann unsere neue Route und schaffen es auch tatsächlich zum Haus unserer Kollegin. Ihr Garten grenzt direkt an ein Flussufer, und ihr Mann erklärt uns, dass das hier das Ende der Stadt sei, und ca. 200m weiter flussabwärts nur noch Wald und Wiesen seien – traumhaft!

Das traditionelle schwedische Menü besteht aus Spargelsalat, Lachs mit Zitronen, Senfsauce, und Dill, sowie kleinen Kartoffeln aus dem Heimanbau des Nachbarn. Dazu trinken wir eine Limonade aus Holunderblüten, und zum Nachtisch serviert die Tochter des Hauses einen dünnen, mächtigen, und unglaublich klebrigen „Kladdkaka“ mit viel Sahne und starkem schwedischem Kaffee – lecker!

Später am Abend hat auch unsere verlorene Kollegin ihren Weg ins Hotel gefunden, sodass wir am Montag früh tatsächlich zu viert auschecken können. Wir machen uns wieder auf den Weg zur Uni; diesmal würden wir doch gern etwas näher am Zielgebäude parken, fahren also etwas weiter. … Nur leider übertreiben wir es leicht und landeten auf der anderen Seite des Campus – naja, bekommen wir den wenigstens auch mal zu sehen.

Am Ende des Meetings finden wir dank uns unverständlichem, aber sehr markanten, Schriftzug auf dem Universitätsrasen leicht den Weg zurück zum Auto. Das Navigationssystem mal wieder auf verzweifelter Satellitensuche wollen wir uns auf der Fahrt zurück zum Flughafen auf eine ausgedruckte Route verlassen. Das Problem dabei ist nur, dass meine ältere Kollegin einen mit schwedischen Zeichen nicht ganz kompatiblen Routenplaner benutzt hatte, der Orts- und Straßennamen auf Chinesisch produziert hat. Aber hey, mit Linguisten an board kommen wir auch damit klar …

Die nächste Herausforderung für uns vier Akademiker war, das Mietauto vor Abgabe zu tanken. „Com’on, we’ve got a three PhDs and a Master’s, we can do it!“

Ja, aber wo ist die Tankklappe? Okay, links. Und wie geht sie auf? Und für wie viele Kronen müssen wir wohl tanken?

An der Tankstelle am Flughafen gab es genau zwei Zapfsäulen mit genau einem EC-Karten Automaten, der genau eine Sprache sprach: Schwedisch. Wir wären ja mit Englisch, Deutsch, Griechisch, Russisch und Spanisch klar gekommen …

Der Tank unseres fahrbaren Untersatzes füllt sich beim zweiten Versuch – nach Wahl der richtigen Zapfsäule!) auf magische Weise. Dann noch ein Tor weiter gefahren, und aus einem Blechkontainer kommt die freundliche Hertz-Dame vor Samstag, die mit breitem Grinsen das Vehikel entgegen nimmt. Ganz offensichtlich konnte sie unsere Tankperformance aus ihrem Fenster beobachten, und war über das kurzweilige Programm sehr amüsiert.

Egal, nach all den anderen Katastrophen hätte es schlimmer enden können ;)

Abschiedsszenen und Kuhglockenläuten

Saturday, August 15th, 2009

Flughafen Wien. Geschäftiges Treiben um mich herum, natürlich begleitet von der standardisierten „don’t leave any luggage unattended“-Durchsage, deren Häufigkeit anscheinend mit der Größe des jeweiligen Flughafens korreliert – zumindest mal gab es sie in Münster (gefühlt) deutlich seltener, wohingegen sie in Chicago als Dauerschleife lief.

Die letzten beiden Tage in Kirchberg waren nicht sehr erlebnisreich. Nachdem der gestrige Tag mit strömendem Regen begann, wurde es am Nachmittag doch noch sonnig – oder zumindest trocken, denn der Sonnenschein war nur von kurzer Dauer. Ich machte mich zu Fuß auf den Weg von St. Corona nach Kirchberg – eine gute Stunde bergab. Ein Wanderweg führte mich über Stock und über Stein, über Flussbetten und Wiesen, und zwischen Wäldern und Hängen hindurch.

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Als wohl charakteristischstes Geräusch dieser Gegend halte ich die läutenden Kuhglocken in Erinnerung – sie waren nicht nur auf dem Weg nach Kirchberg von allen Seiten zu hören, sondern auch vom Balkon meines Zimmers aus immer vernehmbar. Mitunter fungierten sie als Wecker, wenn ihnen diese Aufgabe nicht von Kindergeschrei abgenommen wurde ;)

In einem letzten Vortrag heute stellte ich fest, dass man offenbar durchaus eine Theorie vertreten kann, ohne diese selbst zu verstehen. Danach regte sich allgemeine Aufbruchsstimmung unter den Verbliebenen. „See you next year!“ und „Bis nächstes Jahr!“ standen hoch im Kurs. Umarmungen, Grüße an die Familie und an Kollegen, man will in Kontakt bleiben, Küsschen… während es die einen nach Hause treibt, fahren andere in die Ferien, einige werden noch heute den Atlantik überqueren, andere nur ein paar Stunden mit dem Auto fahren.

Diejenigen, die zum Flughafen nach Wien mussten, versammelten sich in einem Bus, der hoffnungslos überfüllt war. Aber immerhin, er ersparte mit das Taxi nach Aspang, die Zugfahrt zum Südbahnhof und die Fahrt mit dem dortigen Shuttle zum Flughafen. Nun sitzte ich also am Gate und warte darauf, dass das Boarding beginnt.

Heute Abend werde ich in Münster/Osnabrück landen und ab morgen geht’s dann wieder richtig ans Arbeiten ;)

Mein vorläufiges Resümee dieser Woche auf dem Wittgensteinsymposium: auch wenn ich inhaltlich an anderer Stelle mehr mitgenommen habe, Kirchberg war die Reise wert!
– Ein großes Dankeschön an Sven, ohne den ich nicht hier gewesen wäre.

wien

Nachmittagsvorträge

Friday, August 14th, 2009

Kirchberg, Tag 4. Als der Chair gerade die Tür schließen möchte, schlüpft noch ein kleiner schwarzhaariger Mann durch die Tür. Er kommt auf mich zugestürmt und will wissen, ob ich einen gewissen Professor Lenzen in Osnabrück kenne, ob ich ihm Grüße ausrichten und etwas geben könne. Ich denke an nichts Großes und stimme zu, worauf der Chinese vor mir zwei grüne Holzkisten aus der Tasche zaubert. Ich bin leicht überrascht, kann allerdings nichts erwidern, bevor er verschwunden ist. Jetzt trage ich den Rest des Tages zwei grüne Kisten durch die Gegend.

Nachdem ich einer Hand voll Menschen erzählt habe, was ich denke, das eine Theorie von Kognition leisten muss, erzählt mir eine Polin, die ganz offenbar nicht verstanden hat, was es mit Spiegelneuronen auf sich hat, dass Enaktivismus und verteilte Kognition Unterarten verkörperter Kognition seien. Ich zeige mich skeptisch, doch sie meint, dass das in der Literatur so üblich sei – habe ich Literaturberge übersehen?? Interessant wäre es ja schon irgendwie …

Der folgende Vortrag entschädigt allerdings, denn hier komme ich den Genuss von Philosophie in Reinform – und noch dazu welcher, die ich verstehe, da sie sich nicht ausschließlich um Wittgenstein dreht. Ich lerne, warum Sinneseindrücke keine Informationen liefern müssen, die zur Überzeugungsbildung beitragen und, dass Wahrnehmungswissen nicht zwangsläufig kognitive Leistungen erklärt. Der Clou des Arguments ist, grob gesagt, dass die Information, die ich denke, die ein Sinneseindruck mir liefert, von der Definition dessen abhängt, wovon ich einen Sinneseindruck habe. So definiert sich „Regen“ etwa wie folgt:

„es regnet in der Umgebung von x“ heißt: „x hat das Gefühl von Kälte und Nässe und den Gesichtseindruck von grauen parallelen Strichen in einer generellen Abwärtsbewegung.“ Dies gilt allerdings nur unter der Bedingung, dass x nicht unter der Dusche steht.

Daraus zu schließen, der Sinneseindruck, den x hat, liefere die Information, dass es in der Umgebung von x regnet, ist allerdings unzulässig, denn diese Information wird aus der Definition heraus abgeleitet und nicht vom Sinneseindruck selbst.

Den Abend verbringe ich im Mamas, einer örtlichen Bar mit WiFi! Jipee! Das wurde auch Zeit, denn Latexinstallationen lassen sich so schlecht auf anderen Computern machen …

Die Heimfahrt im Shuttle entpuppt sich als unerwartet spannend. Nachdem ich zweimal umsteigen musste, um die Verteilung der Fahrgäste möglichst effizient zu gestalten, bin ich doch die einzige, die zu meiner Unterkunft möchte. Das mit der Organisation üben wir wohl noch mal … aber fairerweise muss man sagen, dass alle lieb und nett sind und am Ende jeder irgendwie nach Hause kommt.

Auf der Fahrt erhält unser Fahrer verzweifelte Anrufe. Einerseits versuchen seine Kollegen sich zu koordinieren, andererseits braucht im Mamas jemand dringend ein Taxi, was um diese Zeit gar nicht so einfach ist, denn: die Taxen aller Unternehmer in Reichweite sind für die Gäste des Wittgensteinsymposiums im Shuttleeinsatz.

Beim dritten Anruf des Kellners, der inzwischen alle weiteren Taxiunternehmer rund telefoniert hat, verraten mir die Stimmen im Hintergrund wer dieses Taxi braucht. Ich war plötzlich sehr froh, eine knappe Stunde zuvor das Angebot zweier Polen mich nach Hause zu fahren ausgeschlagen zu haben, als sie mit der Zange unter dem Auto herumfuhrwerkten. War wohl doch nicht so „easy to fix“, wie sie dachten.

Streifzüge

Wednesday, August 12th, 2009

Kirchberg, Tag 3. Um neun Uhr früh füllte der Vortragsraum füllt sich langsam. Vorne wurde die Mikroanalge justiert, ab und zu stromerte einer der Helfer durch die Reihen um Neuankömmlinge mit Handouts zu versorgen. Es ist mir ein Rätsel, warum er sie nicht entweder auf die Stühle verteilte oder den Leuten am Eingang in die Hand drückte …

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Die Vorträge der vergangenen Tage befassten sich unter anderem mit Fragen wie „Kann ich ein phänomenales Konzept von etwas haben, das ich niemals erlebt habe?“, „Ist die Perspektive der zweiten Person privilegiert?“, „Ist ‚a = a’ a priori?“ und „Gibt es notwendige Wahrheiten?“ War der eine oder andere davon tatsächlich sehr gut, verschlugen mir andere regelrecht die Sprache, sowohl inhaltlich, als auch der Vortragsweise nach. Beispielsweise erinnerte mich ein indischer Sprecher heute sehr stark an NETtalk und ein Österreicher behauptete tatsächlich, dass die Tatsache, dass der Satz „Der Yeti existiert nicht.“ falsch sein könnte, beweißt, dass der Yeti existiert.

Die Zeit zwischen den Talks lässt sich prima nutzen, um Kirchberg und Umgebung zu erkunden. Man kommt mitunter sogar zum Arbeiten – denn die Erkundungen halten sich in Grenzen. Das gesamte Örtchen lässt sich in etwa einer halben Stunde durchstreifen, die drei örtlichen Lokale – die 1000-jährige Linde, den Wolfgang und den grünen Baum – sowie das hiesige Billa (Name österreichischer Supermarktkette) finde ich inzwischen auch fast blind (und das will schon was heißen).

Diese Kleinräumigkeit endet allerdings sehr rasch, wenn man den Weg zu meiner Unterkunft betrachtet: der Ferienbauernhof liegt eine gute Stunde Fußweg entfernt auf dem nächsten Berg und die Infrastruktur lässt zu wünschen übrig. Einmal täglich fährt ein Bus hinauf und hinunter. Zum Ausgleich gibt’s dafür konferenzeigene Shuttle, die morgens um acht und abends um elf verkehren.

Einer der Fahrer entpuppte sich als gesprächig und erzählte mir stolz, wie sein Vater zu Lebzeiten Wittgensteins bei diesem strengen Lehrer in die Schule ging.

Neben den Vorträgen wird selbstverständlich ein kleines kulturelles Rahmenprogramm geboten: am Montag gab es eine Buchpräsentation des Verlages, der die Proceedings herausgibt, am Dienstag lud der Bürgermeister alle Sprecher zum Abendessen in die Linde, heute kann man sich von „Wittgensteins Tod“ (Theaterstück) bezaubern lassen und morgen können wir uns in Trattenbach Wittgensteins Bett anschauen. Das alles hat Tradition, wie ich mir habe sagen lassen; sogar das Menü beim speakers’ dinner, für welches die 1000-jährigen Linde ein festliches Ambiente bot.

Grundschulbesuch auf den Spuren Wittgensteins

Monday, August 10th, 2009

Kirchberg, Tag 1. Ein Shuttle fährt die Gäste der Ferienbauernhöfe von St. Corona nach Kirchberg. Dort betreten wir die Volksschule. An niedrigen Tischen im Vorraum sitzen auf kleinen Stühlchen junge Menschen, die jedoch aus diesen Möbeln längst herausgewachsen sind. Ein großes Schild mit der verheißungsvollen Aufschrift „Internet“ lockt uns in den hinteren Gebäudeteil. Auch hier sitzen ausgewachsene Menschen auf kleinen Stühlchen an niedrigen Tischen. Es gibt ein knappes Dutzend Computer, an der Anmeldung sitzt jemand, der sich Ankunftszeiten und Namen der Gäste notiert. Denn: die Minute kostet hier stolze 10 Cent. W-Lan? Fehlanzeige.

Während ich einen schnellen Blick auf meine Mails werfe, kämpft ein älterer Herr neben mir mit der deutschsprachigen Windowsoberfläche. “I wanna see my granddaughter!” Ja, er ist tatsächlich letzte Nacht Großvater geworden und die kleine ist wirklich süß :o)

Um zehn versammelt sich die Menge schließlich im Obergeschoss. An den Wänden Klettergerüste und Matten, unter der Decke Ringe und auf dem Boden bunte Markierungen – richtig, wir tagen in der örtlichen Turnhalle. Die Bestuhlung hier ist mindestens so bunt wie das Publikum selbst, aber hier gibt es auch größere Klappstühle. In der Ecke ist eine kleine Beamerleinwand installiert, die vermuten lässt, dass sie nicht auf ständige Nutzung ausgelegt ist. Die Aussicht allerdings entschädigt: durch die Fensterfront blickt man direkt die Hänge hinauf auf grüne Wiesen und Wälder, und ein kleines Häusergrüppchen weiter unten am Fuße des Berges.

Die Eröffnungszeremonie geht los. Die Begrüßungsreden der Ehrengäste werden zu einem großen Teil auf Deutsch gehalten – was mir erst auffällt, als im Anschluss die kürzere englische Fassung (zusammen mit der Entschuldigung, dass „Mostheuriger unserer Kirchberger Landjugend“ nicht übersetzbar sei) folgt. Wow, das kenne ich eigentlich nur von Flughäfen oder Bahnfahrten – aber nicht von internationalen Konferenzen. Mein Erstaunen bleibt auch meinem Sitznachbarn nicht verborgen: „Du bist hier unter Philosophen, vergiss das nicht.“ Mhm.

Das sollte ich bestätigt finden, als ich im ersten Plenarvortrag Zitate auf einem Handout mitlese. Ich bin gespannt auf die kommenden Tage …