Anno 1895
Friday, May 30th, 2008„Könntest du wohl bitte nachgucken ob in dem Buch so und so auf Seite 422 das Zitat steht?“ Mit diesem harmlosen Auftrag fing alles an. Klar doch, kein Problem – normalerweise zumindest.
Ich suche also besagtes Buch aus dem OPAC der Universitätsbibliothek und stelle fest, dass das Ding im „B-Magazin“ zu finden sei. Es bedarf daher der „Bestellung“ durch den Nutzer. Okay, kein Ding. Ich klicke auf den Link und das Online-System übermittelt mir die frohe Botschaft, dass ich das Büchlein doch bitte an der „Ortsausleihtheke“ abholen solle. Super, ich freue mich über dieses offenbar unkomplizierte Prozedere und darüber, dass ich nicht selbst in merkwürdigen Archiven wühlen muss.
So radle ich wenige Stunden später vom Westerberg in die Innenstadt um das Objekt der Begierde in Empfang zu nehmen. Das war auch schon der erste Fehler: „Neeeeein, das haben Sie ja sicher nach elf bestellt. Das können Sie doch nicht mehr heute abholen!“ informiert mich eine aufgebrachte Dame an der Ortsausleihtheke. Naja, macht nichts, selbst schuld, also morgen früh noch mal hin.
Knappe 20 Stunden später peile ich also wieder die Bibliothek an, in der freudigen Erwartung nun endlich auf der fraglichen Seite nach dem gesuchten Zitat Ausschau halten zu können.
Ich peile die Ortausleihtheke an und trage mein Anliegen vor. Darauf erhalte diesmal folgende Information: „Mhm, das ist hier noch nicht aufgeführt. Aber als Status ist „ausgeliehen“ vermerkt. Dann wird es wohl noch gesucht. Hier oben ist es noch nicht. Ach Sie hatten es auch erst gestern bestellt? Ja wissen Sie normalerweise …“ Das Ende vom Lied: Ich gehe ohne Buch nach Hause und soll am folgenden Tag noch einmal mein Glück versuchen. Kann ja mal passieren, dass wer was ins falsche Regal stellt, eilt auch nicht, keine Panik.
Panik kam dann allerdings heute auf: Heute war der Tag nach dem Tag des Vertröstens, der Tag an dem ich den dritten Versuch startete. Mittags stehe ich also wieder an der Ortsausleihtheke, der Morgen sie dem Suchtrupp noch gewährt, immerhin gibt es ja einen Haufen Bücher und alle wollen zur rechten Zeit gefunden werden.
„Ja, das ist hier vermerkt, Status drei, das heißt es liegt hier zur Abholung bereit“ – „Klasse, na da bin ich aber froh, dass es aufgetaucht ist.“
Doch die Freude währt nicht lange. Die Bibliotheksdame kehrt ohne Buch zur Theke zurück, fragt zunächst nach meinem Vornamen, läuft dann zügig durch die spärlich bestückten Regale hinter der Theke, verschwindet kurz und taucht schließlich wieder auf. Immernoch buchlos. Ihr freundliches Lächeln ist einer hilflosen Ausdruckslosigkeit gewichen. „Es tut mir Leid, es ist nicht da. Wahrscheinlich wurde es falsch abgelegt.“ Pause. „Brauchen Sie das heute noch?“ Naja, schlecht wäre das nicht.
Die Dame holt sich Verstärkung und durchkämmt nun gemeinsam mit einer Kollegin das komplette Regal der bereitliegenden Bücher ein zweites Mal. Um es kurz zu machen: erfolglos.
Nun bricht endgültig Panik aus hinter der Ortsausleihtheke. Ein weiterer Mitarbeiter sucht sich noch einmal durch die Regale. Die Dame von der Information kommt dazu um die nun doch recht umfangreich gewordene Schlange hinter mir abzuarbeiten und die beiden ursprünglichen Sucherinnen begeben sich an Wagen, Kisten und – ja, in der Tat – Schreibtischschubladen. Ihre Schritte werden schneller. „Das kann ja gar nicht sein, es hat doch Status drei …“
Einiges Achselzucken später fasst sich die Dame vom Anfang ein Herz: „Ich gehe jetzt noch mal ins Magazin. Vielleicht hat es jemand dort vergessen.“ Ich bedanke mich höflich und teile ihre Hoffnung fündig zu werden.
Inzwischen begebe ich mich in die „Wartezone“ und erfahre auf diese Weise endlich, wozu die kleine Sitzgruppe direkt neben der Theke dient. Die Schlange verkürzt sich stetig, die Uhr tickt. Es sind noch einmal rund 15 Minuten vergangen, als eine aufgelöste Mitarbeiterin aus dem Magazin wieder zur Ausleihtheke kommt. Sie verfrachtet den Schlüsselbund wieder in den Safe hinter der Theke und wendet sich an die Kollegen: „Also es muss schon hier oben sein. Aber es gehört zu einer Reihe, ich weiß jetzt, wie es aussehen muss.“ – Aha, ein Hoffnungsschimmer!
Und siehe da, nach weiteren gefühlten fünfundzwanzig Minuten wedelt mir jemand mit einem unscheinbaren rotbraunen abgegriffenen Buch im Postkartenformat entgegen. Mit leicht errötetem Gesicht, Schweißperlen auf der Stirn und dem freundlichen Lächeln von vor einer guten halben Stunde verkündet die Dame „Ich habe es gefunden!“
Ich bedanke mich herzlich für das Mühen der netten BibliotheksmitarbeiterInnen. Das Büchlein stecke ich sorgsam in meine Tasche und trage es nach Hause. Als ich es aufschlage, stelle ich fest, dass das gute Stück schon recht alt sein muss. Die Seiten sind dick und gelb, kaum bündig; die Schrift ist verblasst und nur sehr wenig davon findet sich jeweils in der Mitte der Seiten. Die Bindung droht sich zu lösen, dünne Drähte sind linsen zwischen den Seiten hervor. Meine Vermutung wird weiter gestützt durch vier Ziffern am unteren Rand der allerersten Seite: 1895.
Es hat zwar einige Mühen – und zwar nicht nur meine! – gekostet das Schätzchen aufzutreiben, aber auf Seite 422 finde ich in der Tat die gesuchte Passage. Happy End.