Alle Jahre wieder, immer gern in den Schulferien, fährt mein Chef in den Urlaub.
Aber bevor es endlich soweit ist, gilt es die ganze Welt gründlich auf seine drei bis fünf Tage weilende Abwesenheit im Büro vorzubereiten und sich die Urlaubsreife auch wirklich zu verdienen.
Dabei will natürlich an alles gedacht sein: Da müssen diverse eifrig geplante Termine noch schnell wieder verschoben, die letzten Briefe innerhalb gesetzter Fristen geschrieben und mannigfaltige Auswertungen an diverse Behörden geschickt werden.
Elementarer Bestandteil der Vorbereitungen ist auch das Anlegen eines „Urlaubsordners“.
Dieser dient nicht etwa dem Sammeln wichtiger Unterlagen, Telefonnotizen oder Bearbeitungsvermerke, die während der Abwesenheit unseres Vorgesetzten eingehen, nein, vielmehr umfasst er sein Notfallarbeitspaket für die erholsame Zeit mit der Familie.
Schon eine knappe Woche vor der Abfahrt sprengt besagte Akte jedoch meist ihre Pappdeckel, sodass auf eine mehr oder minder handliche Kiste ausgewichen werden muss.
In dieser dürfen eine Kopie des Terminkalenders für das ganze (!) Jahr und ein komplettes Telefonverzeichnis von Mitarbeitern und Mandantschaft natürlich keinesfalls fehlen.
Am Tag der Abreise sollte nun alles reibungslos laufen. Angesetzt ist der Start in die Ferien für Montag früh um neun Uhr. Keine Frage — da bleibt noch eine ganze Stunde Zeit im Büro, in der man die Mitarbeiter intensiv auf die bevorstehenden Aufgaben einschwören und von der Arbeit abhalten kann.
Vor lauter von-einem-Schreibtisch-zum-nächsten-Gestaube vergisst unser Chef allerdings die Uhr, sodass um halb zehn seine Frau anruft und ihn ärgerlich nach Hause zitiert.
Wie ein Wirbelwind braust er davon und — na, was jetzt wohl kommt? — er lässt die inzwischen bereits mehrfach durchwühlte Urlaubskiste im Flur stehen.
Keine Minute vergeht ehe das Telefon erneut klingelt. Ich erhalte den Auftrag die Einzelteile der Urlaubsakte von den kurz zuvor besuchten Schreibtischen wieder zusammenzuklauben und „bitte ordentlich“ abzuheften. Alles klar.
Etwa eine Stunde später steht unser Chef dann wieder in der Tür und will „nur eben die Sachen holen und noch kurz telefonieren.“
Ein Blick aus dem Fenster verrät, dass das Auto schon (oder erst?) halb gepackt ist, was wohl der Grund für einen erneuten leicht entnervten Anruf seiner Frau sein dürfte. Sie bittet meinen Kollegen darum, seinen Chef doch endlich nach Hause zu schicken und entschuldigt sich für die Hektik, die er verbreitet.
Es dauert einen Moment, ehe der Kollege die Atempause zwischen zwei Telefonaten nutzen kann, um die Nachricht von daheim an den Chef zu übermitteln. Dieser erhebt sich stöhnend „Ja muss man denn alles alleine machen?? Ihr kriegt aber auch gar nichts fertig und ich habe die ganze Arbeit!“
Während er noch sein Leid beklagt, betreten zwei Mandanten das Büro. Sie hätten heute morgen mit dem Chef gesprochen und seien gebeten worden vorbeizukommen. Mit den Worten „Nee, ich muss jetzt ja gleich in den Urlaub…“ stapft er an ihnen vorbei durch die Tür Richtung Auto.
Ein Seufzen geht durchs Büro. Am Telefon erklingt von neuem die Stimme seiner Frau, die wissen will, wo ihr Angetrauter denn bleibe. — Er sei auf dem Weg, habe die Kiste aber wieder stehen lassen. Diese Nachricht stimmt sie wenig freudig.
Alles wartet gespannt, wie es nun weiter geht. Der Leser sei hiermit herzlich zu eigenen Spekulationen eingeladen…
Bis zur Mittagszeit schweben wir in Ungewissheit; abgesehen von einige Telefonanrufen, die weitere Unterlagen in die bereits bekannte Kiste beordern herrscht so etwas wie eine gespannte Stille.
Dann, plötzlich und ohne weitere Vorwarnung, fährt ein voll gestopftes Auto mit Dachgepäckträger vor. Im Innenraum unser Chef mitsamt Familie.
Er stürmt herein, lässt sich die Kiste geben und ——
Bevor er wieder ins Auto kann, muss er noch mal eben telefonieren und einen Kaffee trinken. Macht er auch — bis seine Frau hereinkommt und das Telefonat per Knopfdruck beendet.
Jetzt aber nix wie weg!